Durst wird durch Bier erst schön

 
DAS GEHEIMNIS DER WÜRZE
KANNTE NUR DER ABT

Die deutschen Mönche kamen schnell darauf, was sie am Bier hatten. Damals nannten sie es »flüssiges Brot«. Allerdings nur, wenn es nahrhaft gebraut war.

Und das konnte man von den Getränken, die als Abgabe ins Kloster kamen, nur selten behaupten. Es war dünnes Haferbier - teils mit, teils ohne Honig. (In einer Urkunde von 1147 wird eine Abgabe von 20 Krügen Bier mit Honig und 60 Krügen Bier ohne Honig erwähnt.)

So blieb den Mönchen nichts übrig, als sich selbst aufs Brauen zu verlegen. Landwirtschaft gehörte ohnedies zu den meisten Klöstern. So wurde dort nun verstärkt Gerste angepflanzt. Zwar bekamen sie auch von den Bauern einen »Malzzehnt« - aber der bestand vor allem aus Hafer, der kein übermäßig gutes Bier brachte.

Schnell war das Bier der Mönche weit besser als alles, was im weiten Umkreis gebraut wurde. Das hatte drei Gründe. Erstens legten die Brüder großen Wert auf die Qualität des Braugetreides. Zweitens konnten sich einige unter ihnen ausschließlich mit den Brauproblemen beschäftigen; sie wurden Spezialisten. Und drittens gingen die Mönche, zumindest in manchen Klöstern, ganz wissenschaftlich vor.

Die Gebildeten unter ihnen, vor allem die Äbte, konnten lesen - sogar mehrere Sprachen. Sie begannen, die alten Schriften auf brautechnische Hinweise zu untersuchen - beispielsweise die naturwissenschaftlichen Werke des Römers Gaius Plinius d. Ä., in denen viel über die Bierbrauerei steht.

Zwar kannte das Geheimnis der Bierwürze dann oft nur der Abt, weil er allein belesen genug war, um Nutzen aus den alten Texten zu ziehen. Aber das tat nichts; er gab dem Bruder Braumeister genaue Anweisungen.

Was die Zutaten betraf, die in die Maische wanderten, so zeigten sich die Mönche sehr experimentierfreudig. Und die Nonnen ebenso, denn auch in Frauenklöstern wurde tüchtig gebraut. Manche Brauerei glich einer Alchimisten-Werkstatt. Fürs Malz wurde Gerste vorgezogen; auch Weizen war beliebt. Aber oft mußte man Hafer nehmen. Schon die Germanen warfen erstaunliche Zutaten in die Brühe, um ihr Bier interessanter zu machen. Die Mönche übertrafen sie bei weitem. Sie nahmen für das damals schon überall übliche Mälzen auch Hirse, Bohnen oder Wurzeln - einfach jede stärkehaltige Pflanze. Abenteuerliche Würz-Zutaten waren üblich: Wermut, Hirse, Fenchel und Wacholder; Nelken, Salbei, Schafgarbe und Kirschblüten; Eichen-, Kiefer- und Birkenrinde; Schlangenkraut, Ochsengalle und Kienruß.

Bis schließlich bekannt wurde, daß auch Hopfen eine nützliche Zutat sei. Zwar stand er nicht überall in gutem Ruf; man sagte ihm allerlei böse Eigenschaften nach. Manche hielten aber medizinisch viel von ihm. Und dann hatte er einen großen, unbezahlbaren Vorteil: Er machte Bier so haltbar, daß man es einige Zeit im Keller lagern konnte.

Es scheint, daß die deutschen Mönche von den alten Germanen nicht nur das Bierbrauen übernommen hatten, sondern auch den Spaß am Bier. Die Äbte waren großzügig. Abt Ekkehard von St. Gallen verfügte: »Für alle Klosterinsassen sind täglich sieben Essen mit reichlich Brot und fünf Zumessungen von Bier erlaubt. Das fünfte Essen zur Vesperzeit kann mit Wein eingenommen werden«.

Aus der »Zumessung« entstand später die »Maß«; fünf Maß täglich waren Klosterbrauch. Wieviel eine Maß hatte, schwankte von Kloster zu Kloster - zwischen einem und zwei Litern. Fünf Maß waren demnach fünf bis zehn Liter. Täglich. Damit ließ sich notfalls auch eine längere Fastenzeit durchstehen.

Es ist wohl sicher, daß auch damals nicht jeder Mensch so viel vertrug. Die Regel von Columban, beim Trinken maßzuhalten, galt nicht überall. In England mußte ein Erzbischof sehr deutlich werden:

»Ist ein Priester so betrunken, daß er die Psalmen nur noch lallt, soll er zwölf Tage von Brot und Wasser leben. Ist ein Mönch so voll, daß er speit, soll er dreißig Tage Buße tun. Ist ein Bischof so besoffen, daß er die Hostie kotzt, muß er neunzig Tage büßen«.

In weiten Kreisen der Kirche galt unter dem Einfluß Roms der Wein als standesgemäßes Getränk, das Bier aber lange Zeit als heidnisches Gesöff. So bestand Gefahr, daß beim Konzil zu Aachen, im Jahre 817, das Bier verboten würde. In vielen deutschen Klöstern sah man düster in die Zukunft. Doch die Oberhirten in Aachen fanden einen Ausweg. Bier wurde, weil es in manchen Klöstern auch medizinisch geschätzt wurde, zum »Heiltrank« erhoben, das »Heidengebräu« zum christlichen Getränk gemacht. Außerdem wurde festgelegt, was als tägliche Ration angemessen sei: »In Gegenden ohne Weinberge soll jeder Chorherr fünf Pfund an Bier, aber nur ein Pfund an Wein erhalten«. Nonnen im gleichen Rang stand man zwar auch ein Pfund Wein zu, aber nur drei Pfund Bier.

Hier lesen Sie ausführlich, wie sich das Konzil um ausgewogene Trinkgerechtigkeit bemühte.

Es wäre falsch, anzunehmen, daß die Mönche nur für den eigenen Bedarf brauten. Das durften sie nach den Klostersatzungen gar nicht. Jeder Pilger, jeder Reisende, Wandersmann, Gaukler oder Bettler, der an die Klosterpforte klopfte, bekam zu essen und auch Bier. Manchmal waren das 200 Leute am Tag. Von einem bayerischen Kloster ist bekannt, daß dort jährlich 10000 Pilger und Wanderer gespeist wurden. Es waren gewaltige Mengen, die da unentgeltlich ausgeschenkt wurden.

Ein Vers ging von Mund zu Mund:

»Bei St. Franziskus im Kloster braut man vortrefflich Bier. Bist du ein armer Teufel, zahlst keinen Heller dafür«.

Zuweilen war auch für Festgetränke zu sorgen. Es gibt aus dem Jahre 839 ein Edikt von Ludwig dem Frommen, einem Sohn Karls des Großen. Da liest man von der Einsetzung eines Bischofs als königlicher Gesandter. Dafür wurden drei Tonnen Klosterbier angefordert.

Alsbald jedoch meldete sich der Geschäftssinn mancher Äbte. Bier für die Mönche brauen - gut. Es unentgeltlich abgeben - muß sein. Aber warum nicht obendrein noch verkaufen?

So wurde aus mancher Klosterbrauerei ein gut florierendes Unternehmen. Die Klosterschenken entstanden. Nun spielte die Qualität des Bieres eine noch größere Rolle.

Jedes Kloster braute anders. Und jedes bemühte sich, die geistliche Konkurrenz auszustechen.

Was dieser Biervertrieb wirtschaftlich bedeutete, läßt sich leicht nachrechnen. Eins der Nürnberger Klöster verkaufte im Mittelalter jährlich 4500 Eimer Bier. Solch ein Eimer faßte zwischen 60 und 70 Liter. Das heißt: Im Jahr wurden rund 300000 Liter umgesetzt.

Wenn wir auch zu Beginn des Kapitels sagten, das Bild der biertrinkenden Mönche sei nicht typisch für das frühe Mittelalter - für das Hochmittelalter gilt es schon. Da schwamm ganz Deutschland im Klosterbier. Es gab mindestens 500 Klosterbrauereien (davon zeitweise 300 allein in Bayern). Das war eine gewaltige Zahl, wenn man bedenkt, daß das Land zu jener Zeit weit dünner besiedelt war als heute. Ganz Deutschland, vom Rhein bis zur Oder, hatte damals neun oder zehn Millionen Einwohner, mehr nicht.

>> Das Geheimnis der Wüze kannte nur der Abt - Teil III



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