Durst wird durch Bier erst schön

SO KAM DAS BIER ZUM BÄRENFELL

Die germanischen Götter waren überhaupt recht durstig. Am schlimmsten war es mit Ägir, dem Gott des Meeres.

Aber auch Donnergott Thor tat sich als großer Biertrinker und Brauer hervor. Eines Tages passierte Schreckliches: Den Göttern wurde der Braukessel entführt. Worauf sich die Götter Tyr und Thor zum Riesen Hymir ins Eismeer begaben, um dessen größten Kessel zu stehlen. Die Riesensippe mochte das nicht gern, aber es nutzte ihnen nichts. Tyr und Thor töteten alle Riesen und brachten den Kessel der Einfachheit halber als Himmelsgewölbe an. Da wird nun das Götterbier gebraut, das bei den großen Gelagen im himmlischen Walhalla serviert wird. Man sieht das: Immer wenn der Himmel voller Wolken hängt, wird göttliches Bier gekocht. Wenn es donnert, putzt Thor den Sudkessel. Und jeder Germane hoffte, nach seinem Tod bei der Ankunft in Walhalla an Wotans Tafel genügend Bier zu finden.

Einmal wurde allerdings auch der rotbärtige Thor hereingelegt; sein gewaltiger Durst brachte ihn dazu. Loki, der Herr der Unterwelt, hatte mit ihm um eine Trinkprobe gewettet. Thor trank stundenlang, aber das Horn voller Bier wurde nicht leer. Erst später entdeckte der Donnergott, daß der listige Loki das Horn durch eine Pipeline mit dem Meer verbunden und das Wasser verzaubert hatte, damit es nach Bier schmeckte. Thor verlor die Trinkprobe; das ganze Meer schaffte er dann doch nicht. Aber durch seinen riesigen Durst hatte er immerhin ein Naturereignis bewirkt: die Ebbe. Seitdem gibt es die Gezeiten.

Wie stark Lokis Zauber sein mußte, um Wasser wie Bier schmecken zu lassen, ist nicht ganz klar. Denn über die Qualität des germanischen Biers wird nur wenig berichtet. Tacitus fand es scheußlich: »Ein Saft aus Gerste oder Weizen, ein Gebräu, das eine gewisse Ähnlichkeit mit schlechtem Weine hat«. Ein anderer römischer Chronist beschreibt es als ein »Gemisch von schlechten Säften, welches den Muskeln schadet«. Aber das besagt nicht viel. Die meisten Römer waren eben ihren Wein gewöhnt. (Der übrigens war bei den Germanen - so steht es in der »Edda« - den Göttern vorbehalten, für besondere Gelegenheiten.)

Wenn man weiß, daß die Germanen ihr Bier mit Myrte, Eschenlaub und Eichenrinde würzten, wird einem schnell klar, daß es nicht gerade edel geschmeckt haben kann. Sogar Pilze und Blaubeeren sollen damals ins Bier gemischt worden sein. Andererseits aber ist bekannt, daß die römischen Legionäre gern germanisches Bier tranken. Das galt bald auch für die vornehmeren Römer, die sich im besetzten Land hinterm Limes niederließen. Bei vielen Ausgrabungen fand man in den Fundamenten herrschaftlich-rörnischer Häuser Gefäße mit den Resten von Germanenbier. Es war wohl üblich, vielleicht auch schick, sich einen Bierkeller anzulegen. Und es gab zumindest einen Römer, der sein Geld als Bierhändler, als »Cervesarius«, verdiente. Er kaufte Bier bei germanischen Hausbrauereien und verkaufte es an seine römische Kundschaft. Das berichtet ein Gedenkstein, der aus dem Jahr 260 stammt und bei Trier gefunden wurde.
Hinterm Limes, dem römischen Grenzwall, herrschte im dritten Jahrhundert reges Leben und Treiben. Immerhin feierte Rom im Jahre 248 schon sein tausendjähriges Bestehen; da hatten auch die Städte in den römisch besetzten germanischen Gegenden einiges an Kultur und Zivilisation zu bieten. Warme Bäder und Zentralheizung waren selbstverständlich, Lebensmittel- und Getränkehandel auch. Der römische Kaufmann, dessen Gedenkstein links abgebildet ist, handelte mit Bier. Er war "Cervesarius". Sein Bier bezog er bei germanischen Damen, die privat brauten. Er verkaufte es an seine römische Kundschaft. Der Stein stammt aus dem Jahr 260. Bei Trier wurde er gefunden. In Regensburg, am Kornweg, können Sie seit 1983 die konservierten Fundamente einer römischen Brauerei aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert sehen. Da gibt es Weiche und Darre (zum Mälzen) sowie einen Brunnen und eine Feuerstelle (zum Sieden).

Wir sagten vorhin, die alten Germanen hätten sich aus Lesen und Schreiben nichts gemacht. Das römische Latein interessierte sie nicht. Eine brauchbare Schriftsprache lernten sie erst von den Missionaren, etliche Jahrhunderte nach Christi Geburt.

Aber da ist doch die Edda, dieses urgermanische Epos, aus dem wir das meiste über Wotan, Ägir, Thor und den göttlichen Bierdurst wissen?

Nun, dieses älteste germanische Literaturwerk entstand erst ab dem 13. Jahrhundert. Die Handschriften stützten sich dabei auf überlieferte nordgermanische Lieder aus dem 9. bis 12. Jahrhundert.

Ähnlich ist es mit der Kalevala, dem finnischen Nationalepos. (Die Finnen waren zwar keine Germanen; sie wurden aber sehr stark von den Nordgermanen beeinflußt.) Manche Gesänge der Kalevala reichen bis ins achte Jahrhundert zurück, also noch vor die Wikingerzeit. Jahrhundertelang wurden die Verse von Volkssängern vorgetragen und weitergegeben; erst im 18. Jahrhundert begann man mit den Aufzeichnungen. Diese Kalevala enthält viele großartige Schilderungen - darunter auch eine, wie die Wirtin von Pohjola für ein Hochzeitsfest Bier braut.

Interessant ist bei dieser Geschichte, daß die legendäre Jungfrau Osmotar lange nach einem Mittel sucht, um ihre Würze aus Gerste, Hopfen und Wasser zum Gären zu bringen. (Wobei der »Hopfen« eine spätere Verfälschung sein dürfte; wahrscheinlich war ursprünglich eine andere Gewürzpflanze gemeint.)

Osmotar schickt Tiere aus, um allerlei heranzuschaffen; Tannenzapfen, Kieferzweige, Bärenspeichel. Nichts hilft. Dann läßt sie eine Biene Honig bringen - und nun klappt es: das Bier gärt.

Daraus kann man schließen, daß die frühen Völker in unseren Breiten noch nichts von der Hefe wußten. Viele germanische Stämme schütteten wilden Honig ins Bier, um es stärker zu machen. Vermutlich verkürzte sich dadurch die Zeit, bis die Maische durch Bakterien in der Luft zum Gären kam. Die Germanen schlossen daraus wohl, daß der Honig das Gären bewirke. Logisch - aber falsch.

Auch die Kalevala zeigt, daß die nordischen Völker - Finnen wie Germanen - saufen konnten wie die Bürstenbinder. Aber sie taten es nicht täglich. Im Gegenteil. Bier wurde bei vielen Stämmen nur zu Festlichkeiten gebraut. Dann allerdings wurde es in riesigen Mengen getrunken. Doch gab es auch dabei bestimmte Sitten und Bräuche beispielsweise das »Minnetrinken«. Die »Minne« (die später, im Mittelalter, als »Liebe« oder »Anbetung« galt) bedeutete in der althochdeutschen Sprache »Gedächtnis« oder »Erinnerung«. So war es bei vielen germanischen Stämmen üblich, zu Ehren eines Gottes oder auch eines Toten »die Minne zu trinken«.

Der Brauch wurde noch lange beibehalten, als die Germanen schon Christen waren. Da tranken sie dann auf Märtyrer und Heilige. Aber zumindest von den bayerischen Germanen weiß man, daß sie lange Zeit beim Minnetrinken neben den christlichen Heiligen auch ihren alten Göttern zuprosteten.

>> Dies war die Geburt des Bieres...



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