Durst wird durch Bier erst schön

IM KRUG ZUM GRÜNEN KRANZE

Hört ihr Herren lasst euch sagen, die Glocke hat zehn geschlagen

Eine der alten, berühmten Gaststätten war das Nürnberger Bratwurst-Glöckle. Dort saßen schon Albrecht Dürer und Hans Sachs beim Imbiß und einem kräftigen Humpen Bier.

»Garküche« nannte man damals diese gemütlichen Stuben. Das Bratwurst-Glöckle gehörte anfangs der Stadt. Später wurde es in Pacht betrieben - bis es im zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche fiel. In Bamberg steht noch ein Bierhaus mit einer Trinkstube aus dem 14. Jahrhundert: der Brauereiausschank »Schlenkerla«. Dort gibt es vor allem Rauchbier.

Im Mittelpunkt einer altdeutschen Schankstube stand der Ofen - oft ein riesiger, gemütlicher Kachelofen. Wände und Decke der Stube waren aus Holz. Durch die kleinen Fenster sickerte das Tageslicht, grün oder rot oder gelb - je nach Farbe und Muster der Butzenscheiben. Tische, Bänke, Stühle und Schemel waren schwer und aus massivem Holz - glattgesessen und oft glänzend vom Hosenboden und den Wamsärmeln der Zecher. Auf den Tischen standen riesige Trinkgefäße aus Ton, Holz oder Zinn.

Ausländer, die im 16. Jahrhundert durch die deutschen Länder reisten, konnten es nicht fassen: »Die Deutschen vertun ihre Zeit im Wirtshaus!« schrieb ein Franzose in sein Reisetagebuch. Und Erasmus von Rotterdam, der große Humanist, notierte erstaunt: »Es ist zum Verwundern, welches Lärmen und Schreien sich erhebt, wenn die Köpfe vom Trinken warm werden. Keiner versteht den anderen. Häufig mischen sich Possenreißer und Schalksnarren in diesen Tumult. Kaum glaublich, welche Freude die Deutschen an solchen Leuten finden, die durch ihren Gesang, ihr Geschwätz und Geschrei, ihre Sprünge und Prügeleien solch ein Getöse machen, daß die Wirtsstube einzustürzen droht. Keiner hört, was der andere spricht. Und doch glauben die Deutschen, so recht angenehm zu leben.«

Das Wirtshaus war der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens. Es gab ja kaum andere Unterhaltungsmöglichkeiten. Dort fand man sich zusammen, erzählte Schwänke, spielte mit Karten und Würfeln. Der Bier- und Weinverbrauch, auf den Kopf der Bevölkerung umgerechnet, war im Mittelalter viel größer als heute.

»Sie trinken Tag und Nacht, bis sie voll und wieder nüchtern sind«, kritisierte ein vernünftiger Mann namens Sebastian Franck im 16. Jahrhundert. Der Grund dafür war unter anderem gesalzen und gepfeffert: Es war Mode, die Speisen kräftig zu würzen.

Manche übertrieben es. Der Prediger Johannes Giges schimpfte: »Etliche Unfläter lecken Salz, essen bittere Mandeln, daß sie weidlich saufen können.« Auch unter Damen war das Trinken üblich. Viele Frauen setzten sich abends in die Bierhäuser, »um es den Männern gleichzutun«.

In keiner anderen deutschen Stadt wuchs nach dem Dreißigjährigen Krieg das Volksleben so eng mit dem Bier zusammen wie in München. Bierkeller und Biergärten wurden zu gastronomischen Symbolen der bayerischen Hauptstadt. Wobei Fremde noch heute nicht begreifen, daß ein Münchner Bierkeller offenbar oberirdisch liegt. Das ist aber nur eine sprachliche Schlamperei. Sie kommt daher, daß die Brauereien einst in den Vorstädten ihre tiefen Lagerkeller in den Boden gruben. Dort, direkt aus dem Keller, schmeckte das Bier am besten. So entstanden bei den Kellern große, beliebte Wirtschaften. Wer auf ein Bier zum »Keller« ging, dachte natürlich nicht daran, sich ins kalte Gewölbe zu setzen. Er nahm oben Platz, unter Dach oder im Garten. Seitdem gilt der Name »Keller« für den ganzen Ausschank.

Später, im 19. Jahrhundert, eröffneten die Münchner Großbrauereien riesige Trinkhallen. Allein im Hofbräuhaus wurden 3500 Bierplätze eingerichtet. Und die Mathäser-Bierstadt (so heißt dieser Komplex) ist noch größer; sie hat mehr als 4000 Sitzplätze. Täglich werden dort 40000 Liter Bier an die Holztische geschleppt. Das ist aber noch nichts gegen den Hirschgarten in München-Nymphenburg, wo man Augustinerbräu ausschenkt. Da haben 10000 Leute Platz.

Wladimir Iljitsch Uljanow, der als »Lenin« bekannt wurde, verbrachte einige Jahre seiner Emigration in München. Er hielt sich gerne bei vielen Menschen und beim Bier auf. Seine Lebensgefährtin Krupskaja schrieb ins Tagebuch: »Besonders gern erinnern wir uns an das Hofbräuhaus, wo das gute Bier alle Klassenunterschiede verwischt.«

Doch kann München, was die Zahl der Bierlokale anbetrifft, mit einer anderen Stadt nicht konkurrieren: mit Berlin. Dort gibt es mehr als 2500 Kneipen, in denen Bier ausgeschenkt wird.

>> Behaglichkeit um die Jahrhundertwende



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