Durst wird durch Bier erst schön

DIES WAR DIE GEBURT DES BIERES...

Hier zeigen wir Verse aus der 20. und 21. Rune (man könnte auch sagen: dem 20. und 21. Kapitel) der Kalevala. Dieses finnische Nationalepos geht bis ins achte oder sogar sechste Jahrhundert zurück. Wir folgen der Übertragung von Anton Schiefner aus dem Jahr 1852:

DIE GEBURT DES BIERES

Da bewegt' die Pohjawirtin
sich auf den gefugten Brettern
mitten auf der Stubendiele,
dachte nach und überlegte:
Woraus soll das Bier mir werden,
wie den Trank geschickt bereiten
zu der Hochzeit, die man rüstet,
dem Gelage, das bevorsteht?

War ein Greis da auf dem Ofen,
sprach der Alte von dem Ofen:
Gutes Bier entsteht aus Gerste,
wohlbekannter Trank aus Hopfen.
Doch entsteht's nicht ohne Wasser
und des hitz'gen Feuers Hilfe.

Osmotar, die Bier bereitet,
nimmt sechs Hände Gerstenkörner,
sieben helle Hopfenköpfe,
acht der Kellen klares Wasser,
setzt' den Topf sie an das Feuer,
machte das Gemisch sacht sieden,
faßte es in neue Fässer.

War das Bier nun auch gebrauet,
kam es nicht zur nöt'gen Gärung.
Osmotar, die überlegte,
redet Worte solcherweise:

»Was soll man hierzu noch schaffen,
wonach soll man schnell sich umschaun,
was das Bier zum Gären brächte,
Dünnbier höher steigen ließe?

Bienchen, du, mein flinkes Vöglein,
bist der Wiesenblumen König,
flieg' dahin, wo ich's verlange,
dich entsende und dich schicke!
Seim bring' ein auf feinem Flügel,
trage Honig in den Taschen
aus den hellen Grashalmspitzen,
aus den goldnen Blütenkelchen.
Bring ihn her in meine Hände,
in der Osmotochter Obhut«.

Bienchen nun, das flinke Vöglein,
flieget' schon und eilt geschwinde,
flink in Honigseim die Flüglein
taucht' es in der Gräser Blüten,
in der Blumen goldne Becher,
trug ihn in der Jungfrau Hände.

Bracht' ihn Osmotar zum Biere.
Gleich kam nun das Bier ins Gären,
jetzt wohl stieg das Jungbier schleunig
hoch im neuen Holzgefäße,
innen in dem Birkenzuber,
schäumt' auf bis zum Zuberrande,
wild geworden floß es über,
wollte auf die Erde wallen,
schäumend Boden überschwemmen.

Osmotar, des Bieres Brau'rin,
redet Worte solcherweise:
»Weh ich Ärmste, weh des Tages,
da das Bier ich schlecht bereitet!«

Von dem Baum her rief ein Rotschwanz:
»Ist ja gar nicht schlecht geartet,
ist in Fässer einzufüllen,
in die Keller hinzurollen,
in den festen Eichenfässern,
hinter Holz und Kupferreifen«.

Dies war die Geburt des Bieres,
war des Kalev-Bieres Ursprung;
macht der Frauen Münder fröhlich,
macht die Männer guter Dinge,
Biederleuten bringt es Freude,
Toren treibt's zu Narrenstreichen.

Nachdem nun die Pohjawirtin
so gehört des Biers Entstehung,
mengte sie im großen Zuber
Wasser bis zur halben Höhe,
mit der Gerste gut zum Brauen,
gab hinein viel Hopfenköpfe.
Fing dann an, das Bier zu brauen,
rührte dieses starke Wasser
in dem neuen Holzgefäße,
auf des Birkenzubers Boden.

Fertig war das Bier geworden,
war das braune Bier gelagert,
in der Erde nun zu schlafen,
in dem kalten Felsenkeller,
in den festen Eichenfässern,
hinter seinen Kupferzapfen.

Wenig Zeit war hingegangen,
fing das Bier im Faß zu rauschen:
»Kämen doch die Trinker trunkfest,
alle, die mich schlürfen wollen,
auch der Redner mir zum Ruhme,
er, mein Sänger, mir zum Preise!«
Und man sucht nach einem Sänger,
einem kund'gen Ruhmeskünder.

Fing das Braunbier an zu wettern
in den festen Eichenfässern
hinter seinen Kupferzapfen:
»Schafft ihr mir nicht einen Sänger,
einen wohlbewährten Sänger,
einen rechten Ruhmeskünder
mit der schmetternd hellen Stimme,
stampfe durch ich alle Reifen,
schlag' ich aus den Bohlenboden!«

Pohjolas erfahr'ne Wirtin
ließ die Ladung drauf ergehen,
hieß die Hochzeitbitter wandern:
»Lad das Volk ein von Pohjola,
die gesamte Kalevsippe,
ruf den alten Väinämöinen
her als wohlbewährten Sänger!«

Was hat nun das Bier betroffen,
was in seinen Reifen redet's,
da es in des Sängers Nähe
kam, zum kund'gen Sangesmeister?

War ja doch da Väinämöinen,
weitgerühmter Liedersänger.
Nahm das Bier von allen andern,
sagte dabei solche Worte:

»Liebes Bier, du traut' Getränke,
laß' nicht Leute müßig trinken,
mach' die Männer sangeswillig
zu dem Lied mit goldnem Munde!
Geb der Schöpfer noch so manchmal,
solcherweise hier zu weilen,
wenn die Biere stromgleich schießen
hier bei Pohjolas Gelage,
daß es niemanden gereue,
er im nächsten Jahr noch jammre
über solch ein langes Schmausen,
über solch ein Trinkgelage!«

>> Gambrinus ist nur ein Druckfehler



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